Platons lehre von der wahreit

Die Erkenntnisse der Wissenschaften werden gewöhnlich in

Sätzen ausgesprochen und dem Menschen als greifbare Ergebnisse

zur Verwendung vorgesetzt. Die »Lehre« eines Denkers

ist das in seinem Sagen Ungesagte, dem der Mensch ausgesetzt

wird, auf daß er dafür sich verschwende.

Damit wir das Ungesagte eines Denkers, welcher Art es auch

sei, erfahren und inskünftig wissen können, müssen wir sein

Gesagtes bedenken. Dieser Forderung recht genügen, hieße,

alle »Gespräche« Platons in ihrem Zusammenhang durchsprechen.

Weil dies unmöglich ist, soll ein anderer Weg auf das in

Platons Denken Ungesagte zuleiten.

 

 

 

Was da ungesagt bleibt, ist eine Wendung in der Bestimmung

des Wesens der Wahrheit. Daß diese Wendung sich vollzieht,

worin diese Wendung besteht, was durch diesen Wandel des

Wesens der Wahrheit begründet wird, sei durch eine Auslegung

des »Höhlengleichnisses« verdeutlicht.

Mit der Darstellung des »Höhlengleichnisses« beginnt das

siebente Buch des »Gespräches« über das Wesen der ‘πόλις (Politeia

VII, 514a, 2 bis 517a, 7). Das »Gleichnis« erzählt eine Geschichte.

Die Erzählung entfaltet sich im Gespräch des Sokrates

mit Glaukon. Jener stellt die Geschichte dar. Dieser bekundet

das erwachende Erstaunen. Die beigegebene Übersetzung geht

in den eingeklammerten Stellen erläuternd über den griechischen

Text hinaus.

»Bringe dir nämlich in den Blick dieses: Menschen halten

sich unter der Erde in einer höhlenartigen Behausung auf. Nach

oben gegen das Tageslicht eignet dieser der langhin sich erstreckende

Eingang, auf den zu das ganze Gehöhle sich versammelt.

In dieser Behausung haben die Menschen, gefesselt

an den Schenkeln und den Nacken, von Kindheit her ihren Verbleib.

Deshalb verharren sie auch an derselben Stelle, so daß

ihnen nur dies Eine bleibt, auf das hinzusehen, was ihnen von

vorne ins Angesicht begegnet. Ringsherum jedoch die Köpfe zu

führen, sind sie, weil gefesselt, außerstande. Ein Lichtschein

freilich ist ihnen gewährt, von einem Feuer nämlich, das ihnen,

allerdings von rückwärts, oben und fernher, glüht. Zwischen

dem Feuer und den Gefesselten (in deren Rücken also) läuft

obenhin ein Weg; dem längs, so stelle dir das vor, ist eine niedere

Mauer gebaut gleich den Schranken, die sich die Gaukler

vor den Leuten aufrichten, um über sie weg die Schaustücke zu

zeigen. — Ich sehe, sagte er. —

 

 

 

Fasse nun demgemäß in den Blick, wie entlang diesem

Mäuerchen Menschen allerlei Zeug vorbeitragen, das hierbei

über das Mäuerchen hinwegragt, Standbilder sowohl als auch

andere steinerne und hölzerne Bildwerke und sonst mannigfach

von Menschen Gefertigtes. Wie nicht anders zu erwarten,

unterhalten sich (dabei) die einen der Vorübertragenden, die

anderen schweigen.

— Ein außergewöhnliches Bild führst du da vor, sagte er, und

außergewöhnliche Gefangene. — Sie gleichen aber ganz uns

Menschen, erwiderte ich. Denn was glaubst du wohl? Solcherart

Menschen haben doch im vornhin ein, sei es von sich selbst, sei

es voneinander, nie etwas anderes in den Blick bekommen als

die Schatten, die (ständig) der Feuerschein auf die ihnen gegenüberstehende Wand der Höhle wirft.

— Wie anders denn soll es sein, sagte er, wenn sie gezwungen

sind, den Kopf unbeweglich zu halten und das zeit ihres Lebens?

Was jedoch sehen sie von den (in ihrem Rücken) vorbeigetragenen

Dingen? Sehen sie nicht eben dieses (nämlich die

Schatten) ? — In der Tat. —

Wenn sie nun imstande wären, miteinander das Erblickte

an- und durchzusprechen, glaubst du nicht, sie würden das,

was sie da sehen, für das Seiende halten? — Dazu wären sie

genötigt. —

Wie aber nun, wenn dies Gefängnis auch noch von der ihnen

gegenüberstehenden Wand her (auf die allein sie ständig hinblicken)

einen Widerhall hätte? Sooft dann einer von denen,

die hinter den Gefesselten vorbeigehen (und die Dinge vorbeitragen),

sich verlauten ließe, glaubst du wohl, daß sie etwas

anderes für das Sprechende hielten als den von ihnen vorbeiziehenden

Schatten? — Nichts anderes, beim Zeus! sagte er. —

 

 

 

Ganz und gar, entgegnete ich, würden dann auch die also

Gefesselten nichts anderes als die Schatten der Gerätschaften

für das Unverborgene halten. — Dies wäre durchaus nötig,

sagte er. —

Verfolge demnach jetzt, erwiderte ich, mit deinem Blick den

Vorgang, wie die Gefangenen von den Fesseln gelöst und in

eins damit geheilt werden von der Einsichtslosigkeit, und bedenke

dabei, welcher Art dann diese Einsichtslosigkeit sein

müßte, wenn den Gefesselten folgendes zustieße. Sooft einer

entfesselt und gezwungen würde, plötzlich aufzustehen, den

Hals umzuwenden, sich auf den Weg zu machen und gegen das

Licht zu hinaufzublicken, (dann) vermöchte er (jedesmal) dies

alles nur unter Schmerzen, auch wäre er nicht imstande, durch

das Geflimmer hindurch auf jene Dinge hinzusehen, davon er

vormals die Schatten sah. (Wenn all das mit ihm geschähe), was,

glaubst du wohl, würde er sagen, wenn einer ihm eröffnete,

daß er vormals (nur) Nichtigkeiten gesehen habe, jetzt aber

dem Seienden um mehreres näher sei und, also dem Seienderen

zugewendet, demzufolge auch richtiger blicke? Und wenn einer

ihm (dann) auch, noch jedes der vorbeiziehenden Dinge zeigte

und ihn zwänge, auf die Frage, was es sei, zu antworten, glaubst

du nicht, daß er da weder ein noch aus wüßte und überdies

dafür hielte, das vormals (mit eigenen Augen) Gesehene sei

unverborgener als das jetzt (von einem anderen ihm) Gezeigte?

— Durchaus freilich, sagte er. —

Und wenn ihn gar einer nötigte, in den Feuerschein hineinzusehen,

würden ihm dann nicht die Augen schmerzen, und

möchte er sich da nicht abwenden und zu jenem (zurück)

flüchten, was anzusehen in seinen Kräften steht und sich

dafür entscheiden, das (ihm ohne weiteres Sichtbare) sei in

der Tat klarer als das, was ihm jetzt gezeigt werde? — So ist es,

sagte er. —

Wenn aber mm, erwiderte ich, einer ihn (den von den Fesseln

Gelösten) von da weg mit Gewalt durch den holperigen

und steilen Aufgang der Höhle hindurchzöge und nicht von

ihm abließe, bis er ihn an das Licht der Sonne hinausgezogen

hätte, empfände der also Gezogene dabei nicht Schmerz und

Empörung? Und bekäme er, ins Sonnenlicht gelangt, nicht die

Augen voll des Glanzes, und wäre er so nicht außerstande, auch

nur etwas von dem zu sehen, was ihm jetzt als das Unverborgene

eröffnet wird?

— Keineswegs wäre er dazu imstande, sagte er, wenigstens

nicht plötzlich. —

Einer Gewöhnung offenbar, glaube ich, bedürfte es, wenn

es darauf ankommen soll, das, was oben (außerhalb der Höhle

im Licht der Sonne) steht, ins Auge zu fassen. Und (bei solcher

Eingewöhnung) würde er zunächst am leichtesten auf die

Schatten hinsehen können und hernach auf den im Wasser

Widerspiegelnden Anblick der Menschen und der übrigen Dinge,

später aber

 

 

würde er dann diese selbst (das Seiende statt der

abschwächenden Spiegelungen) in den Blick nehmen. Aus dem

Umkreis dieser Dinge aber dürfte er wohl das, was am Himmelsgewölbe ist, und dieses selbst, und zwar bei Nacht, leichter

beschauen, indem er hinblickt auf das Licht der Sterne und des

Mondes, (leichter nämlich) als bei Tag die Sonne und ihren

Schein. — Gewiß ! —

Am Ende aber, glaube ich, dürfte er in den Stand kommen,

auf die Sonne selbst zu blicken, nicht nur auf ihren Widerschein

im Wasser und wo er sonst auftauchen mag, auf die Sonne

selbst, wie sie von ihr selbst her an dem ihr eigenen Ort ist, um

sie zu betrachten, wie beschaffen sie sei. — Notwendig dürfte es

so kommen, sagte er. —

Und nachdem er all dieses hinter sich gebracht hat, dürfte er

auch bereits über sie (die Sonne) dieses zusammenbringen können,

daß nämlich sie es ist, die sonst sowohl Jahreszeiten gewährt

als auch Jahre und alles durchwaltet, was ist in dem

(jetzt) gesichteten Bezirk (des Sonnenlichtes), ja daß sie (die

Sonne) sogar auch von jenem Allen die Ursache ist, was jene

(die unten in der Höhle sich aufhalten) in einer gewissen Weise

vor sich haben.

— Offenbar, sagte er, würde er zu diesem (zur Sonne und zu

dem, was in ihrem Licht steht) gelangen, nachdem er über jenes

(was nur Widerschein und Schatten ist) hinausgegangen. —

Was nun? Wenn er sich wieder der ersten Behausung erinnerte

und des dort maßgebenden >Wissens< und der damals mit

ihm Gefesselten, glaubst du nicht, er würde sich selbst zwar

glücklich preisen ob des (geschehenen) Umschlags, jene dagegen

bedauern? — Gar sehr. —

Wenn nun aber (unter den Menschen) am vormaligen Aufenthaltsort

(in der Höhle nämlich) gewisse Ehrungen und Lobsprüche

festgesetzt wären für den, der am schärfsten das Vorübergehende

(was sich alltäglich zuträgt) ins Auge faßt und

dazu am meisten das im Gedächtnis behält, was davon zuerst,

was nachher und was gleichzeitig vorbeigebracht zu werden

pflegt, und der am ehesten (dann) hieraus das vorher zu sagen

vermöchte, was künftig eintreten könnte, glaubst du, ihn (den

aus der Höhle Hinausgegangenen) würde es (jetzt noch) nach

jenen (in der Höhle) verlangen, um mit denen (dort) zu wetteifern,

die bei jenen in Ansehen und Macht stehen, oder wird

er nicht gar sehr das auf sich nehmen wollen, wovon Homer

sagt: >auf dem Lande (oberirdisch) lebend einem fremden

unbegüterten Manne um Lohn zu dienern, und wird er nicht

überhaupt was immer sonst eher ertragen wollen, als in jenen

(für die Höhle gültigen) Ansichten sich herumzutreiben und

auf jene Weise ein Mensch zu sein?

 

 

 

— Ich glaube, sagte er, alles würde er eher über sich ergehen

lassen, als auf jene (höhlenmäßige) Weise ein Mensch zu sein. —

Und nun also bedenke dieses, erwiderte ich : Wenn der solcherart

aus der Höhle Herausgekommene wiederum hinabstiege

und an denselben Platz sich niedersetzte, füllten sich ihm da

nicht, wo er plötzlich aus der Sonne kommt, die Augen mit

Finsternissen? — Gar sehr allerdings, sagte er. —

Wenn er nun wieder mit den ständig dort Gefesselten sich

abgeben müßte im Aufstellen und Behaupten von Ansichten

über die Schatten, während ihm noch die Augen blöd sind, bevor

er sie wieder angepaßt hat, was nicht geringe Zeit der Eingewöhnung

verlangte, würde er dann dort unten nicht der

Lächerlichkeit preisgegeben sein, und würde man ihm nicht zu

verstehen geben, daß er ja nur hinaufgestiegen sei, um mit

verdorbenen Augen (in die Höhle) zurückzukehren, daß es also

auch ganz und gar nicht lohne, sich auf den Weg nach oben

zu machen? Und werden sie denjenigen, der Hand anlegte, sie

von den Fesseln zu lösen und hinaufzuführen, wenn sie seiner

habhaft werden und ihn töten könnten, nicht wirklich töten? —

— Sicherlich wohl, sagte er. — «

 

 

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